Mit Herz und Hand

„Finde dich heraus und du erfindest dich selbst“ So spannend kann Berufsorientierung sein Zimmermeister Richard Betz zeigte Theaterstück „Mit Hand und Herz“ – „Die Geschichte ist wahr und erlogen“ Von Peter Lahr

 

„Finde dich heraus und du erfindest dich selbst“

So spannend kann Berufsorientierung sein Zimmermeister Richard Betz zeigte Theaterstück „Mit Hand und Herz“ – „Die Geschichte ist wahr und erlogen“

Von Peter Lahr

Schefflenz. „Der Beruf des Zimmerers und der Zimmerin ist ein toller Beruf. Was ihr damit machen könnt, seht ihr, wenn ihr hier in der Halle nach oben schaut.“ So begrüßte Thomas Bopp, Obermeister der hiesigen Zimmerer-Innung, dieser Tage über 200 Schülerinnen und Schüler im Altkreis Mosbach zu zwei Theatervorführungen, die den Begriff der Berufsorientierung einmal auf eine erfrischend andere Weise umsetzten. Dass der Zimmerer Richard Betz seine beiden Professionen bestens versteht, wurde schnell offensichtlich. Denn die Schüler der Lohrtal- und der Schefflenztalschule lauschten gebannt den Ausführungen des empathischen Meisters. „Mit Herz und Hand“, lautete der passende Titel seines Stücks, das er zusammen mit Regisseurin Ann Dagies entwickelt hat.

Richard Betz gibt wirklich einen formidablen Botschafter des Handwerks ab. Aufgeweckt, lebendig, immer am Puls des Publikums, fragt er hier und da nach, sucht nach Freiwilligen oder bezieht die Jungs und Mädchen durch Gesten mit ein. Die wummernde Motorsäge und der große Bohrer sorgen zunächst für die nötige Aufmerksamkeit. Und auch das Rätsel des Stapels Hölzer am Boden lüftet der Zimmermann erst nach und nach. In schwarz-weißer Kluft beginnt er mit den Vorurteilen mancher Lehrherren, was die heutige Jungend angeht: „Ihr könnt nichts selber machen. Ihr wisst nicht, was ihr wollt. Ihr habt keinen Biss, kein Durchhaltevermögen.“

„Ich will wissen, wie er tickt“, hält der Zimmerer dagegen – und schlüpft flugs in die Rolle des Paul Leonardo Ballmer. Sein Zweitname habe ihm in der Schule manche Hänselei eingebracht, aber er habe auch sein Gutes. So lernte er seinen Namenspatron früh kennen. Diese habe  10 000 Seiten Notizen hinterlassen. „Er hat nicht nur die Mona Lisa gebaut, er wollte fliegen.“ Hätte er die richtigen Handwerker gehabt, es wäre ihm bestimmt gelungen, glaubt Ballmer.

Immer wieder gehen die Rollen des Schauspielers und seiner Bühnenfigur ineinander über. Denn beide sind gleichermaßen davon überzeugt, dass das Erlernen eines Handwerks für jeden Menschen ein gutes Fundament fürs Leben bilde. Auch wenn er an seinem ersten Lehrtag nur Bahnhof verstanden habe, als man ihm sagte, er solle „die Hölzeln stifteln“. Betz’ Erfahrung nach 20 (echten) Lehrlingen und mehr als doppelt so vielen Praktikanten: „Mit der Zeit wächst das Selbstbewusstsein und sie stehen mit beiden Beinen im Leben.“

Ein „Schmarrn“ sei die alte Wertigkeit: „Wer nicht studiert, hat schon verloren.“ Betz muss es wissen. Der einstige Architektur-Student blieb bei den Zimmerern hängen und ist bis heute begeistert von den vielfältigen Möglichkeiten seines Handwerks. „Bauen ist das Spannendere“, findet er. Auch finanziell zahle sich das Handwerk heutzutage aus, denn „Ein guter Handwerker ist ein Geheimtipp“ - und werde weltweit gesucht.

Aber auch jenen, die bei der Berufswahl nur auf das Geld schauen, erteilte der Zimmerer eine Abfuhr. So war seine Bühnenfigur als Investmentbanker unterwegs – bis zum großen Absturz. Erst im Gefängnis erhält er seine zweite Chance. Deshalb der Appell: „Egal, was ihr tut, achtet darauf, dass ihr es gern und gut macht!“ Aber wie das Geeignete herausfinden? „Legt euch Träume zu – und seid nicht bescheiden“, riet Betz-Ballmer den Jugendlichen. Was einem liege, könne man im Zweifel durch Ausprobieren herausfinden. Den Rat zu einem Praktikum unterfütterte er mit dem guten Freund Johann: „Finde dich heraus und du erfindest dich selbst.“ Worte, über die nicht nur Jugendliche etwas länger nachdenken können. Mit einem fetten Applaus endete das Theaterstück. Was darin wahr war, und was erlogen, fanden die Schüler schnell heraus. Als nachhaltiges Dankeschön erhielten sie ein „Wanderbuch“ für den baldigen Gebrauch auf dem Weg durch ihr Leben.

BUZ: „Ich will keinen Vortrag halten, ich will etwas bauen. Am besten mit euch.“ Der Kasseler Zimmerer Richard Betz schlüpfte in die Rolle seines Kollegen Paul Leonardo Ballmer und errichtete die berühmte Brücke seines Namenspatrons nur aus Holz – ohne Nägel oder Dübel. Foto: Peter Lahr